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Freitag, 29. August 2025

Scrollicon
Ein Steinadler landet auf einem Fels
29. August 2025, 07:57    office@wildes-bayern.de

Unsichtbare Feinde im Adlerhorst


Steinadler gelten als Symbol für Freiheit und Wildnis. Doch trotz ihrer Wehrhaftigkeit und Stärke sind sie nicht immun gegen unscheinbare Bedrohungen: Parasiten und Krankheitserreger. Eine neue Studie zeigt, dass einzellige Erreger und blutsaugende Wanzen in Adlerhorsten die Jungvögel stärker bedrohen als gedacht. Und sie zeigt, welche Strategien es zur „Feindabwehr“ geben kann.

Wenn Parasiten die Oberhand gewinnen

Die Forschenden haben in einer Adlerpopulation im Westen der USA zwei Hauptgegner der Jungtiere untersucht:

  • Trichomonosis: eine Infektion durch den Parasiten Trichomonas gallinae, der die Schleimhäute im Rachen der Nestlinge befällt. Wenn sie nicht rechtzeitig erkannt wird, kann sie das Schlucken und Fressen unmöglich machen, mit oft tödlichem Ausgang
  • „Poultry bugs“: blutsaugende Wanzen, die sich massenhaft in Nestern vermehren und die jungen Adler schwächen.

Die Folgen sind gravierend: Bei hoher Belastung sterben viele Adlerküken noch im Horst oder kurz nach dem Flüggewerden an den Folgen von Blutverlust, Infektionen oder Untergewicht.

Einfache Behandlungen mit großer Wirkung

Die Wissenschaftler*innen testeten verschiedene Behandlungsstrategien, darunter den Einsatz des Medikamenten-Wirkstoffs Carnidazol gegen Trichomonaden sowie eine Kombination aus Permethrin und Diatomeenerde (Fossilmehl), welche die Wanzen wirksam zurückdrängt.

Das Ergebnis:

  • Mit einer einmaligen Tablettengabe von Carnidazol konnten Nestlinge, die früh befallen waren, zuverlässig geheilt werden.
  • Mit Permethrin plus Diatomeenerde wurden Wanzenplagen in den Nestern praktisch eliminiert.

Die Folge: Adlerküken in behandelten Nestern waren gesünder, schwerer und überlebten häufiger bis zum Ausfliegen und sogar darüber hinaus.

Überraschende Effekte auf die Population

Besonders spannend ist, dass diese Parasitenbehandlungen nicht nur einzelne Küken retteten, sondern auch auf die Gesamtpopulation durchschlugen. Zusammengerechnet konnten in nur zwei Jahren rund 17 Jungadler zusätzlich überleben, die sonst gestorben wären. Dieser Effekt übertraf sogar die Wirkung der Bekämpfung anderer Bedrohungen, wie Bleivergiftung. Vor allem weibliche Jungadler profitierten von der Behandlung, vermutlich weil sie größer werden müssen und daher besonders empfindlich auf Parasiten reagieren. Mit ihnen konnten die Zuwachsträger gerettet werden – das erklärt möglicherweise die hohe Wirksamkeit der Maßnahme für die Population.

Risiken und Chancen für den Artenschutz

Die Eingriffe sind nicht ohne Aufwand: Adlerhorste liegen meist auf unzugänglichen Felsklippen, was für Helfer*innen riskant sein kann. Künftig könnten allerdings Drohnen dabei helfen, Wirkstoffe sicher in die Nester einzubringen. Die Studie macht zudem deutlich, dass die Ursachen eng mit der Beuteverfügbarkeit der Adler verbunden sind: Wo natürliche Beutetiere wie Hasen oder Murmeltiere schwinden, greifen Adler vermehrt auf verwilderte Haustauben zurück – einen Hauptüberträger der Trichomonaden. Hier zeigt sich, wie eng gekoppelt Ökosystemgesundheit, Beutetierbestände und Raubvogel-Schutz sind.

Parasitenschutz als wirksames Werkzeug im Artenschutz

Die Forschung zeigt eindrucksvoll: Parasitenbekämpfung kann den Unterschied machen zwischen einem sterbenden und einem stabilen Adlerbestand. Mit gezielten, kostengünstigen und wiederholbaren Behandlungen lassen sich junge Adler retten und damit ganze Populationen stabilisieren.

Das ist in gewissem Sinne ein Paradigmenwechsel. Bisher verfolgte man eher das Prinzip: Wenn Wildtiere krank werden, dann schießt man einfach alle kranken und ganz viele Gesunde auch noch dazu, und dann verschwindet der Erreger oder Parasit. Vielleicht lernen wir jetzt, dass wir entweder die Wildtiere gegenüber Krankheiten „kompetent“ werden lassen (oder auch nicht), oder wir helfen ihnen eben in einer vom Menschen geprägten Umwelt mit vielen neuen Erregern, die oft auch über Nutztiere und über den Menschen verschleppt werden. Ein Denkverbot bei der Medikamentengabe sollte aus dieser Warte einfach fallen.

Gerade in einer Zeit, in der Steinadler zusätzlich durch Windkraftanlagen, Lebensraumverlust, Bleivergiftung und Straßenverkehr gefährdet sind, eröffnet dies einen neuen, praktikablen Ansatz im Artenschutz. Die Botschaft ist klar: Manchmal entscheidet nicht nur der Schutz vor den großen Bedrohungen, sondern der Kampf gegen die kleinen, unscheinbaren Gegner im Horst über das Überleben einer Art.

 

 

 

Bildquelle: Monika Baudrexl




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