Das Braunkehlchen ist eine so genannte Leitart für artenreiche Wiesenlandschaften. Sein Schutz kommt vielen anderen Arten zugute. Wenn es gelingt, seine Lebensräume zu sichern und zu verbessern, profitieren ganze Ökosysteme. Darüber sprach am 20. Februar Martin Küblbeck für die Ornithologische Gesellschaft in Bayern in einem Fachvortrag zum Braunkehlchen- und Wiesenbrüterschutz im Gebiet der Loisach-Kochelseemoore und des Murnauer Mooses. Küblbeck betreut für den LBV hauptamtlich das Artenhilfsprojekt Braunkehlchen & gefiederte Freunde.
Das Braunkehlchen gehört zu den charakteristischen Arten unserer offenen Kulturlandschaften und gleichzeitig zu den Vögeln, die in den letzten Jahrzehnten besonders stark zurückgegangen sind. Im Mittelpunkt des Vortrags stand deshalb die Situation dieser Art in einem ihrer wichtigsten Brutgebiete in Süddeutschland.
In manchen Teilbereichen sind innerhalb von etwa zwölf Jahren über ein Drittel der Brutpaare verschwunden. Besonders betroffen sind Randbereiche, in denen kleinere, isolierte Lebensräume aufgegeben werden. Die Vögel konzentrieren sich zunehmend in wenigen Kerngebieten, während frühere Brutflächen verwaisen. Wiederbesiedlungen sind selten, teilweise handelt es sich bereits um sogenannte Sinkpopulationen, die sich nur noch mit Mühe selbst erhalten.
Das laufende Projekt hat zum Ziel, die Bestände zu stabilisieren, den Bruterfolg zu erhöhen und gleichzeitig auch andere Wiesenbrüter wie den Brachvogel zu fördern. Dabei spielt die Kooperation mit Landwirtschaft, Jagd und Ehrenamtlichen eine zentrale Rolle.
Braunkehlchen sind sehr wählerisch bei ihrer Habitatwahl. Sie benötigen spät gemähte, strukturreiche Wiesen mit ausreichendem Insektenangebot und gleichzeitig guter Übersicht. Besonders wichtig sind Brachstreifen, ungemähte Vegetationsstreifen, die über den Winter stehen bleiben und im Frühjahr Struktur, Deckung und Ansitzmöglichkeiten bieten.
Untersuchungen zeigen, dass Nester fast ausschließlich in solchen Brachstreifen angelegt werden. Dabei gibt es unterschiedliche Formen: In nährstoffarmen Bereichen können mehrjährige Dauerbrachen sehr wertvoll sein, während in wüchsigen Moorstandorten rotierende Brachstreifen sinnvoll sind, um Verfilzung und zu dichte Vegetation zu vermeiden. Ideale Brachen sind licht, bieten vertikale Strukturen und bleiben dennoch übersichtlich.
Ein zentrales Thema war auch der Bruterfolg. Der derzeitige Nesterfolg liegt bei etwa fünfzig Prozent – das bedeutet, nur jedes zweite Ei wird auch ein flügger Vogel. Dieser Wert klingt zunächst ordentlich, reicht aber nicht aus, um stabile Bestände zu sichern. Selbst bei relativ guten Überlebensraten von Alt- und Jungvögeln müssten im Durchschnitt deutlich mehr als drei Jungvögel pro Paar erfolgreich aufwachsen, damit eine Population langfristig stabil bleibt oder neue Flächen besiedelt. In vielen Gebieten wird dieser Wert derzeit nicht erreicht. Eine Hauptursache für Verluste ist Prädation, vor allem durch den Fuchs. Auch Wetter, Vegetationsentwicklung und Zeitpunkt der Brut spielen eine Rolle. Frühe Bruten sind häufig stärker gefährdet, unter anderem weil die Vegetation noch wenig Deckung bietet.
Ein Blick in die Brutsaison 2025 zeigt ein positives Bild: Ein trockenes Frühjahr führte zu weniger Überschwemmungen, und gezielte Schutzmaßnahmen zeigten Wirkung. Schutzkörbe über Braunkehlchen-Nestern wurden von den Vögeln problemlos akzeptiert und reduzierten die Prädation erheblich. Auch beim Brachvogel konnten Elektrozäune die Gelege erfolgreich schützen. Die Gelegegrößen waren überdurchschnittlich hoch, und der Bruterfolg lag deutlich über dem Durchschnitt.
Neben dem direkten Schutz einzelner Nester setzt das Projekt zunehmend auf langfristige Habitatverbesserung. Dazu gehört, mehr Flächen in den Vertragsnaturschutz einzubinden, den Anteil an Brachstreifen zu erhöhen und Gehölze zu entfernen, um die offene Landschaft zu erhalten. Außerdem werden strukturreiche Grabenränder entwickelt und die Kleinteiligkeit der Landschaft gefördert.
Ein besonders sensibler Punkt ist die ökologische Anpassung der Entwässerungsgräben. Diese ziehen nach wie vor viel Wasser aus den Mooren. Erste vorsichtige Versuche sehen vor, die Gräben weniger häufig und weniger radikal zu pflegen, teilweise nur einseitig zu mähen oder einzelne Abschnitte zeitweise unberührt zu lassen. Solche Maßnahmen verbessern nicht nur die Situation für Braunkehlchen, sondern auch für viele andere Arten.
Da Prädation eine so große Rolle spielt, wurden auch großflächige Schutzzäune diskutiert. Diese sollen ganze Brutgebiete schützen und nicht nur einzelne Nester. Sie können den Bruterfolg deutlich erhöhen, haben aber Grenzen: Nach dem Schlupf verlassen Jungvögel oft die geschützten Bereiche, um Nahrung zu suchen, und sind dann wieder gefährdet. Dennoch gelten solche Zäune derzeit als wirksamste kurzfristige Maßnahme. Langfristig wird ein umfassenderes Prädationsmanagement angestrebt, um intensive Notmaßnahmen irgendwann überflüssig zu machen.
Insgesamt zeigte das Meeting ein gemischtes, aber vorsichtig optimistisches Bild. Die Bestände des Braunkehlchens in den Loisach-Kochelsee-Mooren sind weiterhin bedroht, und ohne konsequente Maßnahmen ist keine Trendwende zu erwarten. Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen der letzten Saison, dass gezielte Habitatmaßnahmen und Schutzinstrumente den Bruterfolg deutlich verbessern können.
In den kommenden Jahren wird es von entscheidender Bedeutung sein, dass mehr Flächen extensiv statt intensiv bewirtschaftet werden und mehr Brachen gelassen werden. Großflächige Schutzmaßnahmen, vorsichtige hydrologische Verbesserungen und eine enge Zusammenarbeit mit Landnutzern sind ebenfalls anzustreben.
Mehr Infos zum Braunkehlchen-Projekt in den Loisach-Kochelsee-Mooren finden Sie hier
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