Einer von Inzucht bedrohten Population an Wildtieren kann es helfen, wenn man Individuen von außen einbringt. Dieses Ergebnis hat eine Studie an Pumas, auch Florida-Panther genannt, die beispielgebend für unser heimisches Steinwild sein könnte.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Population des Alpensteinbocks drastisch auf rund 100 Individuen zurückgegangen, die nur noch in einem kleinen Gebiet des Gran-Paradiso-Nationalparks in Norditalien überlebten.
Heute, dank sowohl einfacher als auch ausgefeilter Schutz- und Wiederansiedlungsmaßnahmen, ist der Alpensteinbock wieder in den Alpen verbreitet, in Italien, der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Österreich und Slowenien. Die Gesamtpopulation wird auf etwa 50.000 Tiere geschätzt, die alle von der ursprünglichen Gran-Paradiso-Population abstammen. Sie werden sogar auf der Roten Liste der IUCN als „nicht gefährdet“ (Least Concern) eingestuft.
Die Zukunft bleibt jedoch unsicher. Da alle heutigen Steinböcke von einer so kleinen Gründerpopulation abstammen, ist die gesamte Population stark von Inzucht betroffen. Dies führt zu einer geringen genetischen Vielfalt, was sie anfälliger für Krankheiten macht und das Populationswachstum verlangsamt. Damit die Art gesund und widerstandsfähig bleibt, könnte erneut ein menschliches Eingreifen notwendig werden. Aber macht das Sinn?
Eine ähnliche Situation gab es beim Florida-Panther, der lokalen Population des Pumas (Puma concolor). In den 1990er-Jahren lebten in Florida nur noch etwa 30 Tiere, die deutliche Anzeichen von Inzucht zeigten. Um dem entgegenzuwirken, setzten Wildtiermanager 1995 acht weibliche Pumas aus Texas aus.
Dreißig Jahre später sind die Ergebnisse bemerkenswert: Die Population wuchs auf 120 bis 230 Tiere an, mit höherer genetischer Vielfalt, besseren Überlebensraten und weniger Gesundheitsproblemen. Die Hauptsorge war jedoch, ob die texanischen Gene das Florida-Erbgut verdrängen und damit die einzigartige Abstammung der lokalen Population auslöschen würden.
Eine neue Studie von Aguilar-Gómez et al. befasste sich genau mit diesem Punkt. Ihre Ergebnisse:
Simulationen zeigten, dass die Heterozygosität innerhalb von nur fünf Generationen um etwa das Zehnfache anstieg, die Fitness jedoch nach etwa 20 Generationen wieder abnahm, da die Population immer noch klein war. Interessanterweise nahm der Anteil der Florida-Abstammung im Laufe der Zeit sogar wieder zu, die Population „wurde“ also nicht einfach „texanisch“.
Natürlich sind solche Rettungsaktionen nicht unumstritten: Das Mischen von Populationen birgt Risiken von Fehlanpassungen über Krankheitsübertragungen bis hin zur Verdrängung einzigartiger lokaler Merkmale.
Zurück zum Alpensteinbock: Er steht vor ähnlichen Herausforderungen. Das Hauptproblem ist die geringe genetische Vielfalt, verschärft durch Inzucht, schrumpfende alpine Lebensräume und den Klimawandel, der die Tiere in höhere Lagen drängt.
Die Einführung von Steinböcken aus Regionen außerhalb der Alpen könnte helfen, die genetische Vielfalt zu erhöhen, ähnlich wie beim Florida-Panther. Da die Alpensteinbockpopulation mit rund 50.000 Tieren deutlich größer ist, wäre das Problem der kleinen effektiven Populationsgröße, das die langfristigen Vorteile beim Florida-Panther begrenzte, hier weniger relevant.
Das bedeutet, dass eine genetische Rettung, wenn sie sorgfältig durchgeführt wird, eine langfristige Lösung für den Alpensteinbock darstellen könnte, nicht nur eine kurzfristige. Wie bei den Pumas müsste ein solches Vorgehen jedoch über Generationen hinweg genau überwacht werden, um sicherzustellen, dass es die Population stärkt und nicht schwächt.
UC
Die original Veröffentlichung der Studie zum Puma oder Florida-Panther findet Ihr hier
Bildquelle: Gaelle Bara/Pixabay.de
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