Das hat unseren Hasen gerade noch gefehlt. Nachdem die Rote Liste-Art schon massiv unter Mangel an Lebensräumen und Nahrung, unter Immunschwäche und diversen Parasiten und Infekten leidet, ist auch noch das tödliche Myxomatose-Virus vom Kaninchen auf sie übergesprungen. Eine neue Studie hat die Hintergründe erforscht und zeigt, wie ein gezielt ausgebrachter Erreger sich verselbständigt.
Im Sommer 2024 wurden in der deutsch-niederländischen Grenzregion zahlreiche kranke und tote Feldhasen gefunden. Die Tiere litten an auffälligen Schwellungen an Kopf und Beinen, entzündeten Augenlidern und großflächigen Hautveränderungen. Schnell war klar: Hier grassiert eine Krankheit, die bisher nur Kaninchen betroffen hatte, die Myxomatose. Was zunächst für einen Einzelfall gehalten wurde, entwickelte sich rasch zu einem ernstzunehmenden Seuchengeschehen unter Hasen.
Myxomatose wird durch das Myxoma-Virus (MYXV) ausgelöst und galt in Europa jahrzehntelang als typische Seuche der Wildkaninchen. Der Erreger stammt ursprünglich aus Südamerika und wurde in den 1950er-Jahren gezielt zur Kaninchenbekämpfung in Europa ausgebracht. Während sich bei Kaninchen durch selektive Zucht und Immunkompetenz die Sterblichkeit im Lauf der Jahrzehnte verringerte, waren Feldhasen weitgehend verschont geblieben. Doch spätestens seit 2018 mehren sich Berichte über eine Variante des Virus, die sich an Feldhasen angepasst hat, das sogenannte hare-adapted Myxoma-Virus (ha-MYXV). Zunächst trat es im Süden Europas auf, inzwischen hat es offenbar weite Teile Mitteleuropas erreicht.
Eine aktuelle Studie dokumentiert jetzt detailliert den Ausbruch im Grenzgebiet von Nordrhein-Westfalen und den niederländischen Provinzen Overijssel und Gelderland. Insgesamt wurden fast 200 Feldhasen und mehrere Wildkaninchen pathologisch untersucht. Die Ergebnisse sind alarmierend: Fast alle Hasen wiesen massive Entzündungen an Haut und Schleimhäuten auf, in einigen Fällen fand sich schwere Auszehrung (Kachexie). Mit molekularbiologischen Methoden konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich um die neue, rekombinante ha-MYXV-Variante handelt – und nicht um das klassische Kaninchen-Virus. Genetische Analysen zeigen, dass die aktuelle Viruslinie direkt mit dem Ausbruch in Spanien und Portugal in Verbindung steht.
Alarmierend ist nicht nur das massenhafte Auftreten der Krankheit, sondern auch die Geschwindigkeit ihrer Ausbreitung. Die WissenschaftlerInnen stellten fest, dass die Fälle sich radial und nordwärts vom Ausbruchszentrum ausbreiten. Vermutlich spielen dabei stechende Insekten (etwa Mücken) eine Rolle, obwohl dieser Übertragungsweg für ha-MYXV bisher noch nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass die Bestandszahlen in betroffenen Regionen rückläufig sind. In den untersuchten Gemeinden sank die Zahl der Hasen im Herbst 2024 signifikant, deutlich stärker als in Gebieten ohne nachgewiesenes Virusvorkommen. Die Forscher sehen darin einen deutlichen Hinweis darauf, dass der neue Erreger die Populationen zumindest kurzfristig erheblich dezimieren kann.
Die Gefahr ist ernst: Der Feldhase besiedelt ein sehr großes Areal in Europa, doch viele Populationen sind ohnehin durch Lebensraumverlust und intensive Landwirtschaft unter Druck. Dieser neue Krankheitserreger stellt eine zusätzliche Belastung dar, besonders, weil die Ausbreitung schnell und schwer kontrollierbar verläuft. Auch Übersprünge auf andere Hasenarten, wie Schnee- oder Korsische Hasen, sind möglich.
Das Auftreten des ha-MYXV ist ein Weckruf für den Wildtierschutz in Mitteleuropa. Monitoring, Forschung zur Übertragung und Maßnahmen zur Bestandsstützung werden ebenso wichtig wie die Bekämpfung möglicher Eintragswege. Die Zukunft der europäischen Hasenpopulation steht vor einer neuen, unerwarteten Herausforderung: Nur durch ein koordiniertes Vorgehen von Wissenschaft, Naturschutz und Jägern lässt sich der langfristige Erhalt dieser Tierart sichern.
Einen Auszug aus der Studie in englischer Sprache unter dem Titel „Recombinant Myxoma Virus in European Brown Hares, 2023–2024“ findet Ihr hier
Bildquelle: FranzSchabreiter/Pixabay.de
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